Ist Lernen sinnvoll?

Wofür lernen wir, wofür lehren wir? Auf dem Quartera Kongress, an dem ich Ende November teilgenommen habe, trafen sich Personalverantwortliche und Weiterbildungsanbieter, um neue Formen des Lernens, des Studierens und viele aktuelle Themen rund um berufliches und berufsbegleitendes Lernen und Lehren zu diskutieren. Mich hat beeindruckt, wie aktiv viele Unternehmen Weiterbildung unterstützen, fördern und dabei sogar eigene Lehrkonzepte entwickeln. Sie merken, dass gute Mitarbeiter durch den wirtschaftlichen Aufschwung und auch durch den demografischen Wandel knapper werden. Die beste Methode, dem zu begegnen, ist, vorhandene Mitarbeiter weiter zu qualifizieren. Auf der Tagung vertretene Top-Unternehmen wie z.B. Daimler, Audi oder die vier größten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften entwickeln Anforderungen an Weiterbildungsstudiengänge, um exklusiv oder selektiv Mitarbeiter in diese zu entsenden.



Die pointierteste Formulierung entwarf Ton Koper, der Präsident der powerAge Foundation, mit seiner These, dass wir besser für ein langes Leben lernen sollten, anstatt uns lebenslangem Lernen zu unterwerfen. Es ist statistisch erwiesen: Lernen hält fit und die Alterung Aktiver schreitet langsamer voran. Wieso sollten wir also Begriffe wie Lernen und Weiterbildung negativ besetzen?



Und für mich kommt noch etwas Wichtiges hinzu: Die heute lebenden Generationen sind an einem wichtigen Punkt des Wandels. Die älteren (wir Professoren, manche Studierende) sind noch analog aufgewachsen: Wir mussten Karten lesen können, um einen Ort zu erreichen, wir mussten Bücher lesen, um auf Vorrat Wissen anzuhäufen, wir haben ausführliche Briefe geschrieben und Menschen nur durch persönlichen Dialog kennengelernt. Ich nenne diese Generation verkürzt „die Analogen“ – auch wenn wir uns natürlich im digitalen Zeitalter ebenfalls auskennen. Die Jüngeren nutzen digitale Medien, um sich in der Welt zu orientieren, sie rufen Wissen dann ab, wenn sie es brauchen, sie kommunizieren mit anderen, ohne jemals persönlichen Kontakt gehabt zu haben. Ich nenne diese Generation „die Digitalen“. Jene beschriebenen vermeintlichen Selbstverständlichkeiten werden massive Auswirkungen auf Gehirne und Umgangsformen haben. Beide heute aktiven Generationen – Analoge und Digitale – können noch davon profitieren, ihre jeweiligen Erfahrungen aus beiden Welten zusammenzulegen. In wenigen Jahren wird das „analoge Wissen“ verschwunden sein.



Ich weiß noch nicht, ob das schlimm ist. Wie immer merkt man erst dann, dass etwas nicht mehr da ist, wenn es fehlt. Ich denke, wir sollten auf Verdacht auch das analoge Wissen weitergeben.



Trotzdem muss und wird sich viel tun in der Vermittlung von Wissen. Irgendwann sollten wir den Begriff Vorlesung abschaffen. Er stammt aus der Zeit als nur wenige Menschen lesen konnten und den Lernwilligen vorgelesen haben. Das passt hoffentlich überhaupt nicht zu unserer Lehre! Oder werden die Studierenden dann wieder zur Vorlesung kommen, wenn Computer mit Sprach-Ein-/Ausgabe unsere Schreib-/Lesefähigkeit immer mehr obsolet gemacht haben und die wenigen verbleibenden Informationen nur noch mit großen Bildern und Piktogrammen visualisiert werden? Dann werden wir Menschen auf Kinderbuchniveau denken und das Wissen wird uns von den Maschinen diktiert. Unser aktueller Übergangszustand in diese Welt heißt übrigens PowerPoint – aber das wird ein gesonderter Beitrag. Meine persönliche Antwort auf die vorherige Erkenntnis lautet: Mensch, lies Bücher … auf Vorrat, wer weiß, wie lange es die noch gibt.



Ihr Jörg Puchan 0:-)